Aus geldtheoretischer Sicht können Kryptowährungen durchaus zu Geld, zum allgemein akzeptierten Tauschmittel, werden.

Aus geldtheoretischer Sicht können Kryptowährungen durchaus zu Geld, zum allgemein akzeptierten Tauschmittel, werden. Es hängt allein davon ab, ob die Geldnachfrager Kryptowährungen gegenüber anderen Geldarten vorziehen.

Sie werden als Krypto“Währungen“ bezeichnet: Bitcoin, Ethereum, Bitcoin Cash, Ripple, Litecoin und noch einige andere. Allerdings ist es eigentlich verfrüht, diese digitalen Einheiten als Währung, als Geld zu bezeichnen. Zwar werden Bitcoin und Co. bereits für private und kommerzielle Transaktionszwecke eingesetzt, aber sie sind noch davon entfernt, Geld zu sein: Geld ist das allgemein akzeptierte Tauschmittel. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Die Frage lautet folglich: Was sind die Bedingungen, unter denen Kryptowährungen zu „echtem“ Geld, zum allgemein akzeptierten Tauschmittel, aufsteigen können?

Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, bietet es sich an, die Lehren der Geldtheorie einzubeziehen. Die erste Frage, die sich aufdrängt, lautet: Kann eine immaterielle, virtuelle Währung überhaupt die Geldfunktionen übernehmen?

“Bitcoin “is a fraud”.
“The currency [bitcoin, A. d. V.] isn’t going to work. You can’t have a business where people can invent a currency out of thin air and think that people who are buying it are really smart.” (
Jamie Dimon, CEO of JP Morgan Chase & Co)

 

Ein Gut muss, damit es als Geld Verwendung finden kann, einige „physische“ Eigenschaften aufweisen. Dazu gehören üblicherweise die Folgenden: Das Gut muss knapp sein, homogen (also von gleicher Art und Güte), haltbar, transportabel und teilbar, und es muss einen hohen Wert pro Einheit aufweisen und allgemein wertgeschätzt sein. Im Wettbewerb um die Geldfunktion hatten in der Vergangenheit vor allem die Edelmetalle (Gold und Silber) die Nase vorn, weil sie am relativ besten die genannten physischen Eigenschaften erfüllen, die „gutes Geld“ ausmachen.

In einer zusehends digitalisierten Welt kann eine immaterialisierte Einheit wie Bitcoin und Co., soweit sie die oben genannten Eigenschaften erfüllt, ein „natürlicher“ Kandidat für Geld sein. Zu fragen ist nur, ob ein Gut tatsächlich physisch vorhanden sein muss (wie Gold oder Silber), damit es als Geld akzeptiert wird.

Im heutigen „Fiat-Geld“-System ist das Geld im-materialisiert. Der größte Anteil des Geldes, das die Menschen tagtäglich bereitwillig verwenden, besteht in Form von Buchgeld (also Bits und Bytes auf Computerfestplatten), das zudem in kein Sachgut eingelöst werden kann. Die Vermutung liegt folglich nahe, dass auch eine Kryptowährung, die nicht physisch vorhanden ist, durchaus als Geld Akzeptanz finden könnte.

Nun gibt es jedoch in der Geldtheorie das Regressionstheorem. Kurz gesprochen besagt es, dass (1) Geld spontan im freien Markt, ohne staatliches Dazutun entstanden sein muss, und zwar (2) aus einem Sachgut beziehungsweise aus einem Gut, das zuvor allein wegen seiner nicht-monetären Nutzenstiftung wertgeschätzt wurde. Wie verträgt sich das Regressionstheorem mit der Überlegung, dass Bitcoin und Co. zum Geld aufsteigen könn-ten?

Zu Punkt (1): Es besteht kein Zweifel, dass die Kryptowährungen „Phänomene des freien Marktes“ sind. Beispielsweise wurde der Bitcoin als digitale Einheit durch private Initiative geschaffen. (Der Erfinder wird unter dem Synonym Satoshi Nakamoto genannt). Auch hat sich bereits eine „natürliche“ Nachfrage herausgebildet: Eine wachsende Zahl von Menschen möchte Bitcoin besitzen und damit zahlen. All das geschieht ohne Dazutun des Staates.

Das Regressionstheorem

Das Regressionstheorem besagt, dass ein Gut, bevor es zum allgemein akzeptierten Tauschmittel (Geld) werden kann, einen nicht-monetären Wert beziehungsweise einen Marktpreis gehabt haben muss – also einen Wert, der allein auf den nicht-monetären Nutzen, den das Gut stiftet, zurückzuführen ist. Warum ist das so? Nun, Geld wird nachfragt, weil es Kaufkraft hat. Wie aber bestimmt sich die Kaufkraft des Geldes? Antwort: durch das Angebot von und die Nachfrage nach Geld. Wer zum Beispiel einen Apfel für 1 Euro kaufen will, bietet dafür Geld an (also 1 Euro).

Wer einen Apfel verkaufen will, fragt Geld nach. Anders gesprochen: Das Apfelangebot entspricht der Geldnachfrage, die Apfelnachfrage dem Geldangebot. Der (Apfel-)Preis, der sich auf diesem Weg bildet, bestimmt die Kaufkraft des Geldes. Um aber schlüssig erklären zu können, warum Menschen Geld halten (beziehungsweise nachfragen), muss man sich darüber klar werden, dass sich die Geldnachfrage heute dadurch erklärt, dass das Geld gestern Kaufkraft besessen hat.

Anders gesprochen: Die Geldnachfrage beziehungsweise die Kaufkraft des Geldes haben eine Zeitdimension. Denkt man diese Erklärung immer weiter zurück (denkt man also regressiv), so gelangt man gedanklich an den Zeitpunkt, an dem das Gut erstmalig als Geld verwendet wurde, an dem es also aus der nicht-monetären Verwendung in die monetäre Verwendung gehoben wurde. Und an eben diesem Zeitpunkt wurde der nichtmonetäre Tauschwert zum Ausgangspunkt des monetären Tauschwertes des Gutes.

Der Tauschwert des Gutes Geld wird sich nachfolgend zwar von seinem ursprünglichen nicht-monetären Wert wegbewegen. Aber – und das ist die entscheidende Erkenntnis – die Tatsache, dass Geld (wie zum Beispiel der US-Dollar oder der Euro) Kaufkraft hat, lässt sich zurückverfolgen auf die Geldentstehung: Geld ist spontan im Markt entstanden, und zwar aus einem Gut, das ursprünglich allein aufgrund seiner nicht-monetären Vorzüge wertgeschätzt wurde – wie insbesondere Gold und Silber.

Zu Punkt (2): Das Regressionstheorem besagt, dass ein Gut, bevor es zu Geld werden kann, einen nicht-monetären Marktwert, einen nicht-monetären Tauschwert haben muss. So wurde zum Beispiel das Gold, bevor es als Geld verwendet wurde, seit je her nachgefragt und wertgeschätzt für zum Beispiel religiöse Zwecke oder das Erstellen von Schmuck. Das Gold hatte also bereits einen nicht-monetären Wert, bevor es als Geld eingesetzt wurde. Ist Bitcoin und Co. mit dem Regressionstheorem verträglich?

Verschiedene Sichtweisen sind möglich. Zwei davon seien hier kurz genannt.

(a) Das Regressionstheorem erklärt die Entstehung des Geldes aus einer Naturaltauschwirtschaft („Barter“), in der es noch kein Geld gibt, heraus. Das Aufkommen des Bitcoin hat jedoch in einer bereits funktionierenden Geldwirtschaft stattgefunden. So gesehen ließe sich sagen, dass bei der ersten Marktpreisbildung des Bitcoin die Kaufkraft des vorhandenen Geldes (US-Dollar oder Euro) auf den Bitcoin übertragen wurde. Dem Regressionstheorem wäre so genüge getan.

(b) Es stünde ganz offensichtlich im Einklang mit dem Regressionstheorem, wenn die Marktakteure dem Bitcoin zu Beginn einen nicht-monetären Wert beigemessen hätten (ihn zum Beispiel aufgrund seiner Neuheit interessant fanden und bereit waren, für seinen Erwerb etwas aufzuwenden), bevor sie ihn dann nachfolgend als Tauschmittel eingesetzt haben. Und dass genau das passiert ist, ist sehr gut denkbar (wenngleich vielleicht auch nicht unmittelbar ‚beweisbar‘).

Letztlich entscheidend ist jedoch die Einsicht, dass das Regressionstheorem eine denknotwendige (in Fachkreisen spricht man auch von einer apriorischen, einer praxeologischen) Bedingung für das Entstehen von Geld ist: Wenn der Bitcoin zu Geld werden soll, muss er im Einklang mit dem Regressionstheorem stehen. Anders gesprochen: Wird ein Gut irgendwann als Geld verwendet, dann steht seine Geldwerdung im Einklang mit dem Regressionstheorem. (Die Richtigkeit des Regressionstheorems lässt sich nicht durch beobachtete Geschehnisse bestätigen oder verwerfen.)

Kurzum: Geldtheoretische Überlegungen zeigen, dass einer Geldwerdung der Kryptowährungen grundsätzlich nichts entgegensteht. Der Wettbewerb – soweit zugelassen – wird entscheiden (müssen), ob sich Bitcoin und Co. gegenüber dem heutigen Fiat-Geld durchsetzen werden oder nicht: Es hängt letztlich davon ab, ob die Geldnachfrager Digitalgeld als vergleichsweise vorteilhafter einstufen als Fiat-Geld. Aus Sicht der Geldtheorie gibt es jedoch im Vorhinein keine Gründe für die Behauptung (die vielerorts zu hören ist), Bitcoin und Co. könnten nicht zum Geld – zum allgemein akzeptierten Tauschmittel – aufsteigen.

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Abbildung links: Quelle: conmarketcap (angesehen am 28. Sep. 2017).
Abbildung rechts: Quelle: Federal Reserve of St. Louis, yahoo finance, World Gold Council; eigene Berechnungen

 

Quellen: © Prof. Dr. Thorsten Polleit – Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH / https://platincoinsite.blog

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